Interview-Video

Mikroplastik in den Meeren: Interview im Geomar Kiel und bei den Stadtwerken Plön

Hintergrundwissen

Bild über primäres und sekundäres Mikroplastik
Primäres und sekundäres Mikroplastik · Quelle

Mikroplastik bezeichnet winzige Kunststoffpartikel mit einer Größe von weniger als fünf Millimetern. Diese Partikel sind so klein, dass sie mit bloßem Auge oft kaum noch zu erkennen sind. Grundsätzlich wird zwischen primärem Mikroplastik und sekundärem Mikroplastik unterschieden. Primäres Mikroplastik wird gezielt in dieser Größe hergestellt und findet sich beispielsweise in industriellen Anwendungen oder (früher häufiger) in Kosmetikprodukten. Sekundäres Mikroplastik entsteht dagegen, wenn größere Plastikteile im Laufe der Zeit zerfallen und sich durch Umwelteinflüsse immer weiter zerkleinern.1

Nach Angaben von Dr. Aaron Beck, ein Wissenschaftler des GEOMAR in Kiel, stammt der größte Anteil des Mikroplastiks in den Meeren aus genau diesem sekundären Entstehungsprozess. Das bedeutet, dass nicht das „kleine Plastik“ am Anfang das Hauptproblem ist, sondern der kontinuierliche Zerfall von bereits vorhandenem Plastikmüll. Sobald Plastik in die Umwelt gelangt, beginnt ein langer Abbauprozess, bei dem es nicht vollständig verschwindet, sondern lediglich in immer kleinere Fragmente zerfällt.

Die Entstehung von Mikroplastik ist stark mit dem menschlichen Alltag verbunden. Eine der größten Quellen ist der Abrieb von Autoreifen im Straßenverkehr. Durch jede Fahrt lösen sich kleinste Partikel vom Reifen, die über die Straße in die Umwelt gelangen und anschließend durch Regen in die Kanalisation oder direkt in Gewässer gespült werden können. Auch synthetische Kleidung spielt eine wichtige Rolle: Beim Waschen lösen sich winzige Kunststofffasern aus Materialien wie Polyester oder Nylon, die über das Abwasser in Kläranlagen gelangen. Weitere Quellen sind Verpackungsmüll, Plastikreste aus der Umwelt sowie früher auch kosmetische Produkte mit Mikroplastikbestandteilen.

Ein entscheidender Faktor ist die extreme Langlebigkeit von Kunststoffen. Plastik wird in der Natur nicht biologisch abgebaut wie organische Stoffe, sondern lediglich physikalisch und chemisch zerkleinert. Durch UV-Strahlung (Sonnenlicht), Wind, Wellenbewegungen und mechanische Reibung entstehen über Jahre hinweg immer kleinere Teilchen. Dieser Prozess kann Jahrzehnte bis Jahrhunderte dauern. Dadurch reichert sich Mikroplastik kontinuierlich in der Umwelt an und wird über Flüsse in die Meere transportiert.2

Heute ist Mikroplastik weltweit verbreitet. Es wurde in Flüssen, Seen, Küstenregionen und sogar in entlegenen Gebieten wie der Arktis nachgewiesen. Laut Umweltbundesamt ist es inzwischen ein globales Umweltproblem, das nahezu alle Meeresregionen betrifft. Besonders problematisch ist dabei, dass Mikroplastik nicht einfach lokal begrenzt bleibt, sondern durch Strömungen und natürliche Kreisläufe weltweit verteilt wird.3

Probleme der Meere

Weltkarte: Konzentration von Plastikmüll in den fünf größten Meeresdriftströmen
Konzentration von Plastikmüll in den fünf größten Meeresdriftströmen · Quelle

Die Belastung der Meere durch Mikroplastik ist eines der zentralen Umweltprobleme unserer Zeit. Jährlich gelangen große Mengen Kunststoff über verschiedene Wege in die Ozeane. Dazu gehören Flüsse, die Plastik aus Städten und Landschaften transportieren, direkte Einträge über Küstenregionen sowie Abfälle aus der Schifffahrt und Fischerei. Einmal im Meer, verteilt sich das Material durch Strömungen über riesige Distanzen und reichert sich in verschiedenen Regionen der Weltmeere an. Im Wasser zerfällt der Plastikmüll weiter und wird durch Bewegung, Salz, UV-Strahlung und mechanische Kräfte immer kleiner. Dadurch entstehen nicht nur sichtbare Mikroplastikpartikel, sondern auch extrem kleine Nanoplastikteilchen, die für das Auge nicht mehr erkennbar sind. Diese winzigen Partikel können sich in der gesamten Wassersäule vom Meeresboden bis zur Oberfläche verteilen und so mit unterschiedlichsten Organismen in Kontakt kommen.4

Ein wichtiger Aspekt ist die Aufnahme durch Lebewesen. Viele Meerestiere verwechseln Plastikpartikel mit Nahrung oder nehmen sie indirekt über ihre Beute auf. Dadurch gelangt Mikroplastik in die Nahrungskette. Kleine Organismen wie Plankton stehen am Anfang dieser Kette und werden wiederum von Fischen gefressen. So kann sich das Plastik theoretisch bis zu größeren Raubfischen und schließlich auch zum Menschen fortbewegen. Allerdings betont Dr. Aaron Beck, dass die direkten Auswirkungen der reinen Plastikpartikel in realistischen Umweltkonzentrationen noch nicht vollständig geklärt sind.

Die Forschung zeigt außerdem, dass viele frühere Studien mit sehr hohen Kunststoffkonzentrationen gearbeitet haben, die in der Natur kaum vorkommen. Unter realistischen Bedingungen sind direkte Schäden durch Mikroplastikpartikel selbst oft weniger eindeutig nachweisbar. Dennoch bleibt das Thema relevant, da insbesondere die chemischen Zusatzstoffe im Plastik als problematisch gelten. Dazu gehören Weichmacher, Farbstoffe, Flammschutzmittel oder UV-Stabilisatoren, von denen einige toxische Eigenschaften besitzen können. Diese Stoffe können sich aus dem Plastik lösen und in Organismen gelangen.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Rolle moderner Abwasser- und Klärsysteme. Nach Aussagen des Kläranlagen-Experten, Andreas Laatsch, können heutige Kläranlagen bereits einen großen Teil des Mikroplastiks aus dem Abwasser entfernen, teilweise bis zu etwa 90 %. Allerdings verbleibt ein Rest, der entweder in Gewässer gelangt oder sich im Klärschlamm anreichert. Dieser Klärschlamm wird in einigen Regionen landwirtschaftlich genutzt, wodurch Mikroplastik indirekt auch auf Böden gelangt und in weitere ökologische Kreisläufe eingreift.

Insgesamt zeigt sich, dass Mikroplastik nicht nur ein einzelnes Umweltproblem ist, sondern ein globales Systemproblem darstellt. Es betrifft Meere, Flüsse, Böden und letztlich auch den Menschen. Die langfristigen Folgen sind noch nicht vollständig erforscht, weshalb das Thema weiterhin stark im Fokus der Wissenschaft steht.

Zahlen und Fakten

Etwa 50 bis 80 % des Sauerstoffs in der Atmosphäre stammt aus marinen Algen und Phytoplankton – nicht primär aus Regenwäldern. Die Ozeane haben bereits über 90 % der durch Menschen verursachte überschüssige Wärme aufgenommen und puffern so den Klimawandel ab.

  • 71 % der Erdoberfläche sind von Wasser bedeckt.
  • ca. 8 Mio. Tonnen Plastik gelangen jährlich ins Meer (Schätzungen).
  • pH-Wert der Oberflächenwasser ist seit der Industriellen Revolution spürbar gesunken.
  • Über 3 Mrd. Menschen leben in Küstennähe und sind von Meeresveränderungen betroffen.

Diese Zahlen zeigen: Kleine Veränderungen in Temperatur oder Chemie des Wassers können große Wirkungen auf Ökosysteme und Menschen haben – besonders in Regionen mit geringen Pufferkapazitäten.

Unterwasseransicht mit Fischen über Korallen
Biodiversität in tropischen Meeresgebieten

Verbraucherleitfaden: Was du tun kannst

Infografik: Faserverlust verschiedener Textilien pro Waschgang – Fleecejacke 89 mg/kg, Sporttrikot 18 mg/kg, Nylonstrümpfe 9 mg/kg
Mikroplastik: So viel Textilfasern verliert Kleidung pro Wäsche · Quelle

Auch wenn Mikroplastik ein globales Problem ist, kann jeder Einzelne im Alltag dazu beitragen, die Belastung der Umwelt zu verringern. Viele Ursachen von Mikroplastik entstehen direkt durch menschliches Verhalten, wie es besonders im Bereich Konsum, Kleidung und Abfallentsorgung der Fall ist. Schon kleine Veränderungen im Alltag können daher einen Unterschied machen.

Ein wichtiger Ansatz ist der bewusste Umgang mit Plastikprodukten. Produkte, die Mikroplastik enthalten oder stark auf Kunststoff basieren, können teilweise vermieden werden. Dazu gehören zum Beispiel bestimmte Kosmetik- und Pflegeprodukte, in denen häufig Mikroplastik eingesetzt wird. Gleichzeitig hilft es, insgesamt weniger Plastik zu konsumieren und auf langlebige oder wiederverwendbare Alternativen umzusteigen.5

Auch die richtige Müllentsorgung spielt eine entscheidende Rolle. Herr Dr. Aaron Beck vom GEOMAR erklärt im Interview, dass unsachgemäß entsorgter Müll eine der größten Quellen für Mikroplastik im Meer ist. Wenn Plastik in die Umwelt gelangt, zerfällt es dort über lange Zeit in immer kleinere Teilchen und kann über Flüsse schließlich in die Ozeane gelangen.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist der Bereich Kleidung. Beim Waschen synthetischer Textilien wie Polyester oder Nylon lösen sich kleine Kunststofffasern. Diese gelangen ins Abwasser und können von Kläranlagen nur teilweise zurückgehalten werden.6 Waschbeutel oder spezielle Filterbeutel können helfen, den Faserabrieb zu reduzieren. Außerdem kann es sinnvoll sein, häufiger Kleidung aus natürlichen Materialien wie Baumwolle zu wählen.7

Auch im Straßenverkehr entsteht Mikroplastik durch Reifenabrieb. Dieser lässt sich als Einzelperson nicht vollständig vermeiden, aber ein bewusster Fahrstil kann helfen, den Abrieb zu reduzieren. Dazu gehören vorausschauendes Fahren, weniger starkes Bremsen und Beschleunigen sowie eine insgesamt ruhige Fahrweise.8

Wie beide Experten betonen, ist es jedoch wichtig zu verstehen, dass die Verantwortung nicht nur bei Verbraucherinnen und Verbrauchern liegt. Auch Industrie und Politik spielen eine zentrale Rolle, da sie über Produktion, Inhaltsstoffe und gesetzliche Regelungen entscheiden. Dennoch kann individuelles Verhalten in der Summe einen wichtigen Beitrag leisten, um die Menge an Mikroplastik in der Umwelt zu reduzieren.

Insgesamt zeigt sich: Jeder Schritt in Richtung weniger Plastikverbrauch, bewusster Konsum und richtige Entsorgung hilft dabei, unsere Meere langfristig zu schützen.

Blick in die Zukunft

Die Zukunft der Meere ist nicht festgeschrieben. Szenarien reichen von weiterer Degradation bis zur teilweisen Erholung – abhängig davon, ob Treibhausgasemissionen sinken, Schutzflächen wachsen und Wirtschaftsmodelle nachhaltiger werden. Jugendliche und Schulprojekte tragen dazu bei, Bewusstsein zu schaffen und Lösungen sichtbar zu machen.

Unsere Leitfrage „Wie sieht die Zukunft der Meere aus?“ lässt sich so beantworten: Sie wird mitbestimmt von heutigen Entscheidungen in Politik, Wirtschaft und im eigenen Verhalten. Geographisches Wissen hilft, globale Zusammenhänge zu verstehen und verantwortlich zu handeln.

Weite Meereslandschaft mit Horizont
Ein intakter Ozean als gemeinsames Erbe der Menschheit

Fazit

Hier das Fazit

Hier das Fazit

Weite Meereslandschaft mit Horizont
Ein intakter Ozean als gemeinsames Erbe der Menschheit